Artikel · 5 min
Runder Tisch Erinnerung in Sozialer Distanzierung
- Veröffentlicht
- 23. April 2020
- Sprache
- Deutsch
- Projekt
- EJKA

mit dem Thema „Erinnerung in Zeiten sozialer Distanzierung“
von Katrin Diehl
Die digitale Zeit macht es möglich: Man kann sich treffen, auch wenn man sich nicht treffen kann. Während des Lockdowns sind die virtuellen Meetings in jedem Haushalt angekommen, man macht fleißig Gebrauch davon, erkennt und schätzt den Wert der modernen Technik, die so neu eigentlich gar nicht mehr ist.
Auch darum ging es am 23.04.2020 beim virtuellen „Runden Tisch“, zu dem die Europäische Janusz Korczak Akademie (EJKA) geladen hatte. In zeitlicher wie gedanklicher Nähe zum Jom HaShoah hatte sie das Thema „Erinnerung in Zeiten sozialer Distanzierung“ in den Raum gestellt, das sehr bewusst auch auf den momentanen Krisen-Modus, in dem sich gerade alle befinden, „anspielte“, das sich aber natürlich auch weiten ließ und weiten sollte hin zu einer Frage, die umtreibt: Was passiert mit der Erinnerung an den Holocaust, wenn es irgendwann keine Zeitzeugen mehr gibt?
„Gekommen“ waren unterschiedlichste Gäste, unter ihnen auch die beiden Präsidenten der Akademie, Eva Haller und Stanislav Skibinski, sowie der Holocaust-Überlebende Roman Haller, aber eben auch einfach Interessierte - jüngere, ältere, Schüler, Studenten, Jugendarbeiter, Programmierer… - mit ganz unterschiedlichen „Hintergründen“, mit ganz unterschiedlichen Erwartungen, zugeschaltet aus Salzburg, Warschau, Ebersberg… Die Moderation hatte Lydia Bergida, Programmdirektorin der EJKA, übernommen, die das Thema für alle noch einmal ausführlicher fasste: „Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung im Hinblick auf die Erinnerungsarbeit, aber auch unter Einbeziehung der Erfahrungen, die wir während dieser Pandemie-Zeit schon gemacht haben.“
Von Anfang stand bei allen Beteiligten außer Frage, dass es gerade die digitalen Medien - „mit ihrem Potential“ - sein würden, die es schaffen könnten, dem Verlust des direkten, vitalen Zeitzeugengesprächs etwas entgegen zu stellen, und die daher auch einzusetzen seien. Es ging also weniger ums Ob als ums Wie: Wie lässt sich digital eine nachhaltige Wirkung erzeugen und welcher Ergänzungen bedarf es außerhalb des digitalen Systems?
Eva Haller erklärte, dass Erinnerungsarbeit schon immer „einen festen Platz in der Akademie“ gehabt habe. Sei auch die „face-to-face“ Begegnung zwischen Zeitzeugen und jungen Menschen nicht zu ersetzen, müsse man doch nach Möglichkeiten suchen, wie Erinnerung „authentisch weitergegeben“ werden könne. Überzeugt habe sie da ein Projekt mit „einem Kreis von Jugendlichen“, Schülern und Schülerinnen, die sich in ihrem Heimatort - „an dem es oft gar kein jüdisches Leben mehr gibt“ - ausführlich mit einzelnen Personen und deren Geschichte beschäftigt, diese „damit wieder ins Leben zurück, in die Gegenwart eben der jungen Menschen“ geholt hätten. „So etwas hat Wirkung und veranlasst die Schüler auch oft, sehr mutig in der eigenen Familie Nachforschungen zu beginnen“. „Zeugen von Zeugen werden“, fasste das Lydia Bergida als einen möglichen Weg, den man gehen könne, zusammen. Damit bliebe ein „Format der direkten Begegnung“ erhalten, das auch von Familien, nachfolgenden Generationen einzelner Opfer wie Täter, gefüllt werden könnte, die ja eine besondere Nähe zum Thema hätten, und bei denen häufig Bereitwilligkeit da wäre, „zu erzählen“.
Natürlich standen in den einzelnen Beiträgen immer wieder die jungen Leute als „Empfänger“ wie „Weitergeber“ der Geschichte des Holocausts im Mittelpunkt. Ein Wachhalten der Erinnerungen „von unten“ durch zielgerichtete Projekte wurde als sinnvoll erachtet, „auch weil die Politik oft dies und das sagt, aber anderes tut“, was zum Beispiel die „Doppelmoral“ hinsichtlich der engen Handelsbeziehungen zum iranischen Regime zeige. „Bei Jugendlichen herrscht oft Ratlosigkeit vor, weil einfach Vorwissen fehlt“, stellte ein Teilnehmer fest und wies darauf hin, dass da auch durchaus der „klassische“ Film Abhilfe schaffen könne. „Er kann sehr gut einzelne Menschen und deren Schicksal für jeden verständlich darstellen“. Das habe bis heute Wirkung. „Außerdem gab es ja auch nicht nur die Opfer. Es gab auch die Täter und da gibt es genug dokumentarisches Filmmaterial, das alle Leugner Lügen straft.“ Zudem sollten durchaus auch die noch lebenden Täter Verantwortung zeigen und Zeugnis abgeben.
Den Geschichtsunterricht betreffend ergänzte ein Schüler in der Runde, Nationalsozialismus komme halt „in diesen Einheitsbrei“, „erst die Römer, dann das Mittelalter und dann die Nazis…“ Dabei verdeutlichte er noch einmal, welchen Unterschied es mache, ob „ich etwas zum 20. Mal lese, ohne dass es mich berührt, oder ob ich wirklich einem Zeitzeugen gegenübersitze“. Damit war die Wirksamkeit des „Begegnungscharakters“ an- und ausgesprochen, woraufhin man auch kurz das technisch anspruchsvolle „Hologramm“ thematisierte, das Zeitzeugen „abbilden“ kann, sie „dreidimensional“ vor den Menschen erscheinen und Rede und Antwort stehen lässt, eine Art Vervollkommnung von Steven Spielbergs ShoahFoundation Sammlung, deren Ziel es bis heute ist, so viele Interviews mit Überlebenden wie eben möglich zu führen.
In diesem Sinne forderte Roman Haller dazu auf, die Zeit zu nutzen. „Noch gibt es Zeitzeugen und hoffentlich gibt es sie noch lange.“ Es sollten ihnen sämtliche Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden, um „sie hörbar zu Wort kommen zu lassen“. Die Technik dafür sei ja da.
Stanislav Skibinski wies noch einmal auf die Engführung zwischen der Thematik und der neuen, momentanen Situation - Leben in Zeiten einer Pandemie - hin. Gerade jetzt lasse sich erkennen, welche emotionale Bedeutung Kontakte hätten und wie sehr digitale Medien in Anspruch genommen würden. „Wir spüren gerade, welches Potential in ihnen steckt, aber auch, welcher Auftrag den alten Menschen gegenüber daraus erwächst“. Zudem ließen sich heute schneller als je durch kleine Symbole, wie Emojis, Hashtags… Solidaritätsbekundungen um die Welt schicken. Auch das könne den Willen zum „Nie wieder!“ stärken.
Man war sich einig darin, dass Erinnerung kein Selbstzweck sei, sondern dass es letztendlich darum gehe, eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern. Dafür sei Bildung nötig, verständliche Vermittlung, Demokratieverständnis, der Wille, „Verantwortung zu übernehmen“. „Und das kann man genau jetzt tun“, verdeutlichte Skibinski, „in der jetzigen Situation“. Somit endete der virtuelle „Runde Tisch“ mit einem Appell, was sich als das Gegenteil von Ratlosigkeit begreifen lässt.
