Artikel · 16 min
Aufbrüche, Wege, Steine
- Veröffentlicht
- 18. Oktober 2017
- Sprache
- Deutsch
- Projekt
- EJKA

Zur Dynamik der Freiheit in der jüdischen Tradition
(Dr. Asher J. Mattern)
Im Buch Kohelet, das wir vor zwölf Tagen am Shabbat Chol HaMoed Sukkot – also mitten in der Zeit unserer Freude: Seman-Simchatenu – gelesen haben, heißt es, es sei besser in ein Haus der Trauer zu gehen als zu einem Trinkhaus, denn dort sehe man das Ende jedes Menschen (Kohelet, 7,2). Das Buch Kohelet lehrt uns - in äußerst drastischer Form -, woraus das Leben des Menschen besteht, aus sich unendlich und sinnlos wiederholender Mühseligkeit: Wie der Mensch – so heißt es hier – nackt dem Leib seiner Mutter entspringt, so wird er auch wieder gehen, von all seinen Bemühungen wird er nichts mitnehmen können (5,14).
„Chevel Chavalim hakol havel“ – Sinnlosigkeit der Sinnlosigkeiten, alles ist sinnlos. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seiner Mühe, dass er sich abmüht unter der Sonne? Ein Geschlecht geht, ein Geschlecht kommt, und die Erde steht in Weltzeit“. Hoffnungslosigkeit scheint die notwendige Konsequenz daraus zu sein, wenn wir den Realitäten der Welt wie König Salomon, dieser sich nicht selbst betrügende Weise, ehrlich ins Gesicht sehen: Nichts Neues unter der Sonne.
Tatsächlich scheint dieses deprimierende Fazit so wenig zur biblischen Perspektive zu passen, dass die Frage immer wieder gestellt wurde, wie dieses illusionsfreie Buch in den Kanon des Tanach, der jüdischen Bibel, passen könnte, es scheint ein Fremdkörper zu sein, der dort nichts zu suchen hat. Gerade deshalb ist es wichtig, sich nicht zu täuschen – Chevel chavalim, absolute Nichtigkeit ist tatsächlich das Urteil König Salomos hinsichtlich der Realität dieser Welt, in der es nur das „Trachten nach Wind“ und wirklich niemals etwas Neues geben wird.
Wieso lesen wir dieses Buch dann aber gerade an jenen Festtagen, die in besonderer Weise freudvoll sein sollen? Nun, das Urteil König Salomos hinsichtlich der Realität dieser Welt ist nicht sein Fazit hinsichtlich der Möglichkeiten des menschlichen Lebens. Während die Worte „Sinnlosigkeit aller Sinnlosigkeiten“ das Buch Kohelet einleiten, schließt es „Fürchte Gott und hüte seine Gebote, denn dies ist der Mensch allzumal.“ (12,13)
Mit diesem wirklichen Schlußwort kehrt sich die fatalistische Rede des Weisesten der Weisen in die zentrale Botschaft, die die Tora uns lehrt, und das Buch Kohelet zeigt sich als ein untrennbarer Bestandteil der vom Judentum in die Welt getragenen Botschaft: Dem Menschen ist eine andere Möglichkeit gegeben als diejenige, sich in dieser Welt der ewigen Wiederkehr zu verlieren, in dieser Welt mit ihren, nach dem Kohelet, in sich sinnleeren biologischen und materiellen Reproduktionsprozessen und ihren illusorischen Vergnügungen – sofern der Mensch sich vor G-tt weiß und sofern er seine Menschlichkeit aus diesem Gegenüber gewinnt.
Wird es in dieser Welt auf immer, in Weltzeit, nichts Neues geben, so gibt es für den Menschen doch die Möglichkeit des Neuen, ja des radikal Neuen, des ganz Anderen, wenn er aus den rein horizontalen Prozessen dieser Welt ausbricht und sich ihm durch die Anerkennung einer Höhe jenseits dieser Welt eine vertikale Existenz-Dimension öffnet. Erkennt der Mensch dies, dann vermag er den ewigen Kreislauf der Sinnlosigkeiten zu durchbrechen: G-tt anerkennend, bricht der Mensch aus der Sinnlosigkeit des Seins aus, und genau damit wird er allererst, im strengen Sinne zu einem Menschen – dies ist eigentlich der Mensch: Adam –, ruft uns Kohelet, der Versammler, zu.
Die Tora, die Lehre, die das geschichtliche Judentum formt, und die dieses Judentum die Aufgabe hat, in die Welt zu tragen, indem es ihr diese Lehre vorlebt, dreht sich entscheidend um diesen Bruch mit einer rein diesseitigen, mit einer rein natürlichen Existenz, um diesen Ausbruch, d.h. um die Möglichkeit der Freiheit. Genauer: die Tora lehrt uns den Menschen selbst wesentlich als die Möglichkeit der Freiheit zu sehen und damit als den Ort in der Welt, an dem Neues in diese Welt einbrechen kann.
Die Tora ist deshalb ein revolutionäres Buch, nicht in einem politischen Sinn – obwohl in seiner Konsequenz auch neue Vorstellungen und Forderungen hinsichtlich des Lebens in der Gemeinschaft entstehen werden, also politische Ideen –, sondern in einem ursprünglichen existenziellen Sinne: Die Tora ruft uns in eine radikale Wende, die zugleich eine Befreiung, unsere Befreiung darstellt: Unsere Verwurzlung im Diesseits der ewigen Wiederkehr, unser Aufgehen in einem rein natürlichen, animalischen Lebensprozeß, soll einer Verwurzelung in unserer g-ttlichen Quelle weichen, einer Bestimmung, die unserer Existenz, einen Sinn und eine Richtung gibt.
Das von der Tora und ihrer Lehre bestimmte Judentum zielt denn auch darauf, diese eigentlich menschliche Möglichkeit ausdrücklich zu ergreifen und als konkrete menschliche Existenzweise zu verwirklichen: Sie ist deshalb, wie es der Name der Hebräer sagt, wesentlich als ein Hinübergehen bestimmt: der Hebräer, der Ivri, ist derjenige der hinübergeht, der von einer rein natürlichen Bestimmtheit zu einer sinnhaften – oder vertikalen, aus einer Dimension der Höhe kommenden – Bestimmung übergeht, dessen Existenz von einem Ufer (Ever) der Wirklichkeit zu einem anderen Ufer tendiert.
Als erster Hebräer tritt so unser Vater Abraham hervor, bei dem das Bewußtsein vor G-tt zu stehen, unmittelbar einhergeht mit der an ihn gerichteten Aufforderung aufzubrechen, das Neue zu suchen, Pionier auf der Suche nach einer neu und anders bestimmten Existenz zu sein: „Geh’ du aus deinem Land – so die Weisung, die er vernimmt – Geh’ aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dich schauen lassen werde.“ Der Hebräer, ist, durch Abraham hindurch, mithin als derjenige bestimmt, der aufbricht, der alles hinter sich läßt, was ihn festhalten, was ihn fesseln könnte, der der Seßhaftigkeit, der Verwurzlung im Hier und Jetzt, entsagt – und sich auf das Unbekannte zubewegt, auf etwas, das er noch nicht gesehen hat, auf die Fremde, von der er nicht weiß, was sie bringen wird. Wenn wir uns den jüdischen Menschen vorstellen, müssen wir deshalb das Bild eines aufbrechenden Menschen vor Augen haben – unsere Vorväter sind Nomaden und die Tora lehrt uns, daß wir, auch wenn wir seßhaft geworden sind, auch wenn wir im eigenen Land leben, uns die nomadische Mentalität bewahren sollen: Wir sollen seßhaft sein, ohne in der Diesseitigkeit wurzeln zu schlagen.
Die Befreiung, die uns für wirklich Neues öffnet, bedeutet also die Ausbildung einer Geisteshaltung, die Bildung einer Mentalität, die in sich als ein Exodus, als ein Auszug strukturiert ist. Das griechische Wort bedeutet ja genau dies: ein Weg – hodos –, der hinaus – ex – führt und, wenn wir an den paradigmatischen Exodus, den Auszug aus Ägypten denken, dann steht das geschichtliche Ägypten nach den Worten unserer Gelehrten tatsächlich – nach Worten, die uns in unserer heutigen Welt direkt anzusprechen scheinen – zugleich auch für eine materialistisch bestimmte Welt, eine Welt, in der wir uns ganz im Sinne der Worte Salomos im Kreislauf sinnloser Wiederholungen von scheinbaren Neuerungen verlieren können, im Trachten nach Wind, in der uns aber nie etwas ganz Neues, radikal Anderes begegnen wird.
Befreiung läßt sich jüdisch folglich nicht anders verstehen, als eine Bewegung, die nicht horizontal verläuft, sondern – wie im Ma’amad Sinai, dem Stehen am Berg Sinai, wie hebräisch die Offenbarung an diesem Berg genannt wird – ein Stehen vor Gott zu verwirklichen sucht, d.h. als eine Bewegung, die nach oben, ins Vertikale führt und so die eigene Existenz neu ausrichtet.
Diese Bewegung ist dabei als Bewegung auf einem Serpentinenweg zu verstehen, wie dies in der Ankündigung der Ausstellung „XII“ von Sasha Ginsburg nach den Worten des Künstlers sehr schön ins Bild gebracht wird : Es gibt kein schlichtes Umschalten vom Horizontalen zum Vertikalen oder anders gesagt: Die Befreiung, aus einer Welt, in der es nichts Neues gibt, geschieht aus jüdischer Sicht nicht in einer einmaligen Erleuchtung, nach der sich der jüdische Mensch befreit oder erlöst weiß. Freiheit ist aus der jüdischen Perspektive nur als eine Dynamik denkbar, d.h. als ein immer neu zu erkämpfender Prozeß der Befreiung, als ein ständiges Streben nach Freiheit, das den immer wieder erfolgenden Rückfällen in eine horizontale Lebensweise, eine Lebensweise entgegen stellt, durch die die vertikale Ausrichtung unaufhörlich erarbeitet wird, d.h. in der die befreiende Vertikalität allein in einer kontinuierlichen Arbeit an uns und an unserem Verhalten zu erringen ist. Kann diese fortdauernde Arbeit an uns, dieses Bemühen um unsere Middot oder Tugenden, uns allmählich wie auf den Mäandern eines Serpentinenweges weiter noch oben führen, so vermag dieser Weg, dieser steinerne Weg, uns doch auch immer wieder auch nach unten führen, so daß es einer erneuten Anstrengung bedarf, wieder an Höhe zu gewinnen, uns weniger von unserer Triebhaftigkeit bestimmen und durch unsere Schwerkraft nach unten ziehen zu lassen, sondern uns wieder mehr von G-tt her und seinem Gesetz bestimmen zu lassen.
Dieses durchaus anstrengende Erarbeiten einer vertikalen Existenzhaltung drückt sich sehr schön in dem hebräischen Begriff „Emuna“ aus, der nur sehr ungenügend mit dem Wort Glauben übersetzt wird: So enthält der Begriff Emuna unter anderem eine Bedeutungsebene, die auf ein Einüben verweist und geradezu mit dem modernen Wort „Training“ wiedergegeben werden könnte: Der Bezug auf G-tt, das Stehen vor G-tt, die Befreiung von der horizontalen zur vertikalen Existenz muß verinnerlicht werden, aber diese Verinnerlichung kann nur erfolgreich sein, sofern sie ihrerseits durch eine Existenzweise konkret eingeübt wird. Die Lehre der Tora ist deshalb nicht nur eine theoretische Lehre, sondern eine praktische Lehre, ein Gesetz: Den innerweltlichen, natürlichen Gesetzmäßigkeiten der Welt steht ein anderes, in diesem Sinne widernatürliches Gesetz gegenüber, das unsere Lebensweise neu und grundlegend anders regelt, und uns so von unserem triebhaften Egoismus befreien soll, und uns eine Lebensweise ermöglicht, die nicht von uns in unserer natürlichen Animalität her, sondern vom Fremden, vom Anderen, d.h. vom ganz Anderen her bestimmt ist.
Der jüdische Serpentinenweg ist dabei ein Weg, der zwar im Miteinander der Gemeinschaft und doch von jedem Einzelnen in seiner je eigenen Weise erkämpft werden muss. Von jedem Ausgangspunkt her, von jeder Vorprägung her, ist die vertikale Freiheitsbewegung möglich, sofern bei dem Einzelnen die Bereitschaft besteht, sich loszureißen und die eigene Existenz neu auszurichten.
In unserer Tradition drückt sich dies unter anderem in der Differenz der zwölf Stämme aus, die jeweils eine Eigenart in die Gemeinschaft einzubringen hatten und aus ihrer Vielfältigkeit erst das die Zeiten überdauernde Zeugnis der aus der Tora gespeisten jüdischen Existenz leisten konnten. In der kreativen Auslegung durch den Midrasch wird dies durch die Erzählung unterstrichen, daß das rote Meer beim Auszug aus Ägypten nicht einen breiten Weg für das gesamte Volk, sondern tatsächlich zwölf getrennte Pfade durch das Wasser öffnete: Jedem Stamm zeigte sich sein eigener Weg in die Freiheit, jeder Stamm konnte sein besonderes Wesen mit einbringen, als es darum ging, aus Ägypten – oder dem Reich des Materiellen – auszubrechen und in Anerkennung der göttlichen Höhe eine anders, eine geistig bestimmte Form menschlicher Existenz in der Welt zu verwirklichen.
Die Anerkennung der göttlichen Höhe ist dabei in einer besonderen Ausprägung der charakteristische Zug jenes Stammes, der den Hebräern wohl nicht zufällig den Namen geben sollte, den sie in der Welt tragen würden, des Stammes Jehuda. Ich werde mich deshalb im Folgenden auf Jehuda konzentrieren, auch wenn ich im Blick auf den Titel der Ausstellung – eben unter Bezug auf die Söhne Jakobs: „XII“ – gerne auf die Eigenheiten aller zwölf Stämme etwas eingegangen wäre. Um die Besichtigung der Ausstellung, um die es heute ja vor allem geht, aber nicht in unangemessener Weise zu verzögern, werde ich mich auf den Stamm Jehuda beschränken.
Der Name Jehuda kommt vom Verb „le-hodot“ und trägt so nicht nur die Bedeutung des Anerkennens und Dankens in sich, sondern tatsächlich auch die vier Buchstaben des Namens, dem diese Anerkennung und dieser Dank gilt, die vier Buchstaben des Tetragramms. Diese Anerkennung G-ttes, dieses Tragen des g-ttlichen Namens im eigenen Namen und damit zugleich auch dieses Existieren als Zeuge G-ttes, das Jehuda auszeichnet, drückt sich – wie in der Tora deutlich benannt und in den Midraschim reich entfaltet wird – zunächst in seiner selbstkritischen Art aus. Die Weise, wie er insbesondere etwa im Kontext der Geschichte mit Tamar eigene Fehler offen eingesteht, zeigt sehr eindringlich, dass Jehuda nicht von dem her bestimmt ist, was aus egoistischer Perspektive vorteilhaft für ihn wäre, sondern dass er anerkennt, was sich ihm unabhängig von seinem persönlichen Interesse als richtig zeigt. Wenn die Königslinie von König David bis zum Messias aus Jehudas Nachfahren hervorgehen wird, dann weil Jehuda in einer Weise auf dem Pfad der Selbst- oder genauer: der Ego-losigkeit (Hebräisch: Bittul azmi) schreitet, die der Tora, der an das jüdische Volk gerichteten Weisung, besonders entspricht und Jehudas Weg als Weg eines wahrhaftigen Führers erkennen läßt. Wir können von Jehuda wirklich in besonderer Weise das sagen, was von uns als Juden gefordert ist – in Anlehnung an den Titel bzw. das Motto des den Stamm Jehuda präsentierenden Bildes: Jehuda kennt den Weg, er geht den Weg und er zeigt den Weg. Wer als oberster Richter seiner Zeit – nach dem Midrasch bekleidete Jehuda die Position des Av bet Din – seinen eigenen Ruf aufs Spiel setzt, weil er eigene Verfehlung erkennt und diese öffentlich macht, um die Ehre eines Mitmenschen, in diesem Fall seiner Schwiegertochter, zu retten, der weist die wesentlichen Charakterzüge auf, die nötig sind, um die Gemeinschaft auf dem vertikal ausgerichteten Weg zu leiten und zu bewahren.
Denn, und dies ist ein zentraler Aspekt dieser die Zeiten überdauernden, den Serpentinenweg mit Hilfe der erhaltenen Weisung immer weiter beschreitenden Gemeinschaft: Wie kann diese Ausrichtung bewahrt und von Generation zu Generation – me-dor le-dor – weitergegeben werden? Wie kann gewährleistet werden, dass der Serpentinenweg nicht einfach abbricht?
Wie groß dieses Problem ist, kann man sich damit verdeutlichen, dass dies vielleicht die Grundfrage, das entscheidende Problem, im griechischen Denken ist, dort, wo es ganz nah an der jüdischen Tora ist, bei Sokrates und Platon: Immer wieder taucht dort die Frage, ob und wenn ja, wie Tugendhaftigkeit, und das heißt dort tatsächlich ganz ähnlich die Ausrichtung auf eine g-ttliche Höhe, gelehrt und weitergegeben werden kann? Wie kann es sein, dass etwa Perikles so ein besonderer Mensch ist – und seine Söhne so besonders verdorben?
Die jüdische Antwort auf diese Frage führt uns zurück zu dem von Sasha Ginsburg ins Bild gebrachten steinernen Serpentinenweg. Denn dieser Weg ist nicht nur steinern, weil er beschwerlich ist und weil die Höhe auf ihm gegen unsere Schwerkraft zu erkämpfen ist. Nach traditionellem Verständnis ist auf dem Serpentinenweg die Zeiten überdauernd überhaupt nur an Höhe zu gewinnen, weil er aus Steinen besteht. Stein heißt auf Hebräisch Even – es ist ein Wort, das wie die hebräische Sprache in ihrer besonderen Struktur es ermöglicht, schon in sich eine ganze Lehre enthält: Zunächst verweisen die drei Konsonanten, aus denen das Wort besteht, Alef, Bet und Nun, auf das so eben genannte Problem und dann enthält es die jüdische Antwort auf unsere Frage: Das Alef steht für den transzendenten G-tt, der selbst nicht Teil der von ihm erschaffenen Welt ist, aber hier mit unserer Hilfe, doch nicht fremd bleiben soll, sondern seine Wohnung, sein Zuhause, finden soll, das Zuhause, Bajit, für das der zweite Buchstabe, Bet, steht. Dies ist aber nur möglich, sofern der Mensch, symbolisiert durch das Nun, ihm dieses Haus bereitet, d.h. indem der Mensch sich aus der horizontalen in die vertikale Existenz erhebt. Wie kann der Mensch dem Alef eine dauerhafte Bleibe erwirken, das heißt wie kann er – in diesem Bilde: das Nun – dauerhaft in der Vertikalen stehen, die der Buchstabe Nun graphisch verdeutlicht?
Der Schlüssel zu dieser Weitergabe liegt wiederum im Wort Even: Binden wir jeweils zwei der einzelnen Buchstaben, also Alef und Bet sowie Bet und Nun, zusammen, ergeben sich die Worte Av und Ben, Vater und Sohn. Der steinerne Serpentinenweg, die von der Tora her bestimmte und aufs Vertikale zielende jüdische Bewegung, kann also bewahrt und weitergeben werden, wenn Vater und Sohn zusammengebunden werden. Das klassische Bild der jüdischen Tradition ist das Bild der Weitergabe, des gemeinsamen Lernens von Vater und Sohn, gebeugt über die Seiten von Tora und Talmud, und dies die Generationen hindurch – me-dor le-dor – von Vater zu Sohn, von Vater zu Sohn, Av – Ben, Av – Ben, Even ve-ot Even, ein Stein und noch ein Stein, die Tradition als steinerner Serpentinenweg aus Vätern und Söhnen – oder, wie wir etwas allgemeiner vielleicht sagen können und sollten, aus Eltern und Kindern.
Unsere Gelehrten entwickeln diese Gedanken zur Grundfigur jüdischer Bildung, dieser von der Tora auf den Weg gebrachten Bildung der Befreiung unter Bezug auf unseren Vater Jakob. Als sich Jakob auf dem Weg nach Haran zur Nachtruhe legt, legt er Steine um seinen Kopf und bettet auch diesen selbst auf einen Stein. Sowie er einschläft, sieht er eine Leiter, die sich zwischen Erde und Himmel erstreckt und auf der Malachim, die Überbringer der Bestimmungen G-ttes, sich auf- und abwärts bewegen – und Jakob vernimmt das von G-tt an ihn gerichtete Wort: Ich bin der Name, der G-tt Abrahams, deines Vaters, und der G-tt Jitzchaks.
Von hier aus entfaltet die Tradition den Gedanken, dass die Verbindung der Steine, die Verbindung Av-Ben die Vertikalität, die Dimension der g-ttlichen Höhe, erschließt. Ruft Jitzchak aus: Ma nora ha-makom hazeh – wie ungeheuerlich ist dieser Ort hier – dann dürfen wir unter diesem die Pforten zum transzendenten G-tt öffnenden Ort, unter dem Ort der Jakobsleiter, zugleich auch den Ort des konkreten Einübens der Tora, von Vater zu Sohn, – und wohl auch von Mutter zu Tochter, d.h. die konkrete lernende und praktizierende Einheit der jüdischen Familie –, sehen. Die Wurzel des Wortes Emunah enthält denn auch nicht nur die Bedeutungsebene Imun – Trainung, sondern genauso Omen, also Erzieher, eben genau jenes Erziehers, der die Kindern auf den Weg der Tora bringt, d.h. des Einübers, des Hineinbildners der transzendierenden Existenzweise in die nächste Generation, jener transzendierenden oder von einem Ufer zum anderen Ufer hinübergehenden Existenzweise, das den Juden seit Abraham, der aufbrach und sich auf den Weg machte, auszeichnet.
Das die Zeiten überdauernde, die Menschlichkeit des Menschen befreiende jüdische Voranschreiten auf dem steinernen Serpentinenweg ist also möglich, wenn der Vater – zusammen mit der Mutter –, als Omen, als Pädagoge, d.h. als Anleiter seines Kindes, mit diesem trainiert – Imun –, das heißt mit ihm die alte und doch immer neue Lehre studiert, d.h. einstudiert, in die Lebensweise hinstudiert, in diese hineinführt. Dies, dieses sich als konkretes Wandeln auf dem von der Tora gewiesenen Serpentinenweg der Befreiung verwirklichende Einstudieren, Bilden bzw. Hineinbilden der vertikalen Ausrichtung in das konkrete Leben, von Generation zu Generation, ist deshalb der wahre, d.h. der konkrete Sinn der jüdischen Emuna.
