Die Europäische Janusz Korczak Akademie ist ein Partner der Jewish Agency for Israel.

Wie trete ich Antisemitismus in muslimischen Milieus entgegen?

WIE TRETE ICH ANTISEMITISMUS IN MUSLIMISCHEN MILIEUS ENTGEGEN?
Judith RahnerJudith Rahner studierte Gender-Studies, Musik- und Erziehungswissenschaften und ist Bildungsreferentin bei der Amadeu Antonio Stiftung im Projekt „ju:an“ - Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit. Sie ist seit vielen Jahren in der Jugendarbeit tätig, setzt dort zusammen mit Jugendlichen sowie unterschiedlichen Künstler_innen und zivilgesellschaftlichen Akteuren Projekte gegen Rassismus, Antisemitismus und andere Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit um./Jan RiebeJan Riebe ist Sozialwissenschaftler und seit 2008 für die Amadeu Antonio Stiftung tätig. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Rechtsextremismus und Antisemitismus. Er ist Autor des Buches „Im Spannungsfeld von Rassismus und Antisemitismus. Das Verhältnis der deutschen extremen Rechten zu islamistischen Gruppen“ (Tectum, 2006).

Wie nicht zuletzt seit Beginn des Gaza-Konflikts im Sommer 2014 deutlich wurde, ist der Umgang mit aktuellem Antisemitismus in Deutschland eine große gesellschaftliche und bildungspolitische Herausforderung und der Bedarf an Unterstützungsangeboten ist groß. Eine nicht erst seitdem diskutierte Frage ist, von wem in Deutschland der Antisemitismus ausgeht. Im Jahr 2013 befragte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte europäische Juden und Jüdinnen zu Antisemitismus. Auf die Frage, welche Personen in den letzten 12 Monaten negative Aussagen über Juden getroffen haben, zeigt sich für die jüdische Community in Deutschland eine differenzierte Wahrnehmung: 48% der Befragten nannten „Jemand mit extremistisch muslimischer Orientierung“. Fast genauso viele, nämlich 47%, nannten „Jemand mit linksgerichteter politischer Orientierung“. Etwas weniger, 40 % der befragte Jüdinnen und Juden, nannten Personen mit rechtsgerichteter Orientierung als diejenigen, die sich in letzter Zeit antisemitisch geäußert hätten. In der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung ist dies hingegen weit weniger differenziert. Dort liegt der Fokus, wer in Deutschland sich antisemitisch äußert, nicht auf Personen „mit extremistisch muslimischer Orientierung“, sondern häufig pauschal auf „den Migranten“. Wenn von „Migranten“ im Zusammenhang mit Antisemitismus gesprochen wird, dann wird „migrantisch“ synonym zu „muslimisch“ verwendet. Es werden nicht EU-Ausländer_innen, Kanadier_innen oder Schweizer_innen als Träger von „migrantischem Antisemitismus“ imaginiert, sondern Menschen, die migrantische Bezüge zur Türkei oder zu arabischen Ländern haben und die gleichzeitig als „Muslime“ verstanden werden. Die unterschiedlichen Berichterstattungen verwendeten oft zudem willkürlich und unreflektiert die Schlagworte „muslimischer“, „islamischer“, „islamistischer“ Antisemitismus ,ohne dass klar wird, was genau eigentlich gemeint ist oder welche Besonderheiten ein „migrantischer/muslimischer Antisemitismus“ hat. Ist es eigentlich sinnvoll, einen „neuen Antisemitismus“ zu fassen? Und welche sicherheits- und bildungspolitischen Konsequenzen würden aus der Feststellung eines migrantischen Antisemitismus überhaupt gezogen?


 
VIELFALT MUSLIMISCHER IDENTITÄTEN IN DEUTSCHLAND
 
In Deutschland leben etwa 4 Millionen Muslim_innen. Ein Teil von ihnen versteht sich als religiös und für sie gehören islamische Praktiken und Traditionen zum täglichen Leben. Sie gehören aber verschiedenen, sich auch gegenseitig abgrenzenden Konfessionen, Strömungen und Ideologien an (z.B. Sunniten, Schiiten). Nur ein geringer Teil gläubiger Muslim_innen teilt orthodoxe oder fundamentalistische Auslegungen des Islam. Andere wiederum, die sich selbst als muslimisch verstehen, leben nur ausgewählte islamische Praktiken. Sie feiern beispielsweise das Opferfest, beten aber nicht fünfmal am Tag. Das ist nichts anderes als bei sogenannten „Kulturchristen“, die christlich sozialisiert und mit religiösen Praktiken aufgewachsen sind, aber nur an Weihnachten in die Kirche gehen. Es gibt auch Menschen in Deutschland, die als Muslime (fremd)bezeichnet werden, die sich aber selbst nicht als muslimisch verstehen. Sie werden oft durch Mehrheitsangehörige zu Muslimen „gemacht“ – man könnte auch sagen: „muslimisiert“. Andere wiederum sind deutsch-deutsche Muslime, wieder andere nicht ihr ganzes Leben hier. Sie oder ihre Familien kommen aus ganz unterschiedlichen islamisch geprägten Herkunftsländern – von der laizistischen Türkei bis hin zum wahabbitisch-orthodoxenDer Wahhabismus ist ein im 18. Jahrhundert begründeter militanter islamischer Reformismus, der eine wörtliche Auslegung des Korans propagiert und die Mehrheit der innermuslimischen und gesamtgesellschaftlichen Neuerungen seit der Entstehung des Korans im 7. Jahrhundert ablehnt. Saudi-Arabien. Sie kommen außerdem entweder aus Städten oder ländlichen Regionen, gehören dem Bürgertum oder der Unterschicht an, haben formal hohe Bildungsabschlüsse oder nur kurz die Schule besucht, engagieren sich gesellschaftlich, sind Kulturschaffende, Wissenschaftler oder arbeiten bei der Müllabfuhr. Sind alt, jung, wohlhabend oder haben wenig Geld und unterschiedliche politische Einstellungen. Viele Muslime leben bereits in der dritten Generation in Deutschland, viele machen Erfahrungen mit (antimuslimischen) Rassismus und Ausgrenzung, manche verstehen sich als Deutsch-Muslime, andere als muslimische Deutsche, Euro- oder Neo-Muslime oder einfach als Neue Deutsche.
 
Identitäten, Selbstverständnisse und Positionierungen sind immer vielfältig und können nicht auf das Merkmal „muslimisch/migrantisch“ beschränkt werden. Aus der Forschung zu Antisemitismus ist bekannt, dass sich antisemitische Einstellungen nicht geradlinig aus sozialen Merkmalen ableiten lassen. Weder sind Gebildete antisemitischer als Ungebildete, noch Reiche mehr als Arme. Wenn man sich vor Augen führt, wie heterogen das oft unter der Kollektiv-Bezeichnung „Muslime“ gefasste Milieu in Deutschland ist, dann ist zu fragen, ob das nicht auch für die religiöse Überzeugungen oder Positionierungen zutreffend ist.

 
WAS SAGT DIE FORSCHUNG?

Es gibt in Deutschland bisher keine repräsentativen Studien zu Antisemitismus unter Muslim_innen. Das heißt, dass weder hinreichend geklärt ist, ob Muslim_innen mehr oder weniger antisemitisch sind als Nicht-Muslim_innen. Noch ist geklärt, ob es überhaupt einen „muslimischen Antisemitismus“ gibt. Vorliegende Untersuchungen geben auch keine Auskunft über die besondere Beschaffenheit, Struktur oder über das Ausmaß des Antisemitismus. Wissenschaftliche Studien und Aufsätze kommen zudem zu ganz unterschiedlichen Interpretationen, die wiederum unterschiedliche Fragestellungen zum Ausgang haben: Handelt es sich bei antisemitischen Einstellungen unter Muslimen um einen „neuen Antisemitismus“? Oder sind ideologische Versatzstücke ein Re-Import des europäischen Antisemitismus bzw. christlichen Antijudaismus? Also „alter Wein in neuen Schläuchen“? Oder stellt er eine Verknüpfung aus islamistischer und europäischer Judenfeindschaft dar? Ist er sogar Bestandteil des Islam und des Korans? Ist der „neue Antisemitismus“ eine Tarnung für Israelfeindschaft oder eine Folgeerscheinung des Nahost-Konflikts und/oder möglicherweise Ausdruck der eigenen Betroffenheit? Oder sind antisemitische Einstellungen mit Zugehörigkeits- und Rassismuserfahrungen in Deutschland erklärbar? Das sind auch für die Bildungsarbeit wichtige Fragestellungen. Denn um nachhaltig gegen Antisemitismus vorzugehen, ist es wichtig, die Funktion hinter antisemitischen Deutungsmustern, Äußerungen oder Handlungen zu erkennen.
 
Das Feld Antisemitismus in muslimisch sozialisierten Milieus ist sowohl in der Wissenschaft und den Medien als auch unter Fachkräften der Bildungsarbeit sehr umkämpft - eine abschließende Klärung gibt es bislang nicht. Die Studien und Aufsätze, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen, beziehen sich oftmals auf qualitative Erhebungsverfahren (Interviews) oder sind wegen zu geringer Fallzahlen nicht auf Muslim_innen in Deutschland generell übertragbar.

 

ANTISEMITISMUS AUF DER STRAßE

Waren es aber nicht überwiegend Muslim_innen, die sich im Sommer 2014 teils mobartig antisemitisch auf Gaza-Demonstrationen hervortaten? Ist das nicht schon Beleg genug, dass die größte Gefahr in Bezug auf Antisemitismus von Muslim_innen ausgeht?
 
Hier gilt es ebenfalls zu differenzieren: Auch wenn es viele Demonstrationen mit antisemitischen Parolen und Plakaten gab, an denen sich, neben Neonazis und sich als links verstehenden Menschen, in großer Zahl auch Personen mit Familienbezügen in die Türkei und die Konfliktregion beteiligten, waren nicht „die Muslime“ auf der Straße. Über 99,9 % der Personen in Deutschland, die sich als Muslim_innen verstehen, waren eben nicht an den antisemitischen Demonstrationen beteiligt. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu betonen, dass die antisemitischen Demonstrationen im Sommer 2014 kein Import von Antisemitismus waren, wie häufig unterstellt wird. Vielfach wurde behauptet, dass der Antisemitismus von muslimisch-sozialisierten und/oder muslimisch markierten Communities nichts mit einem europäischen Antisemitismus gemein habe. Der Antisemitismus dieser Communities sei vielmehr via arabischer und islamistischer Satelliten-TV-Sender nach Deutschland importiert worden und daher ausschließlich Ausdruck eines islamisierten Antisemitismus, der in keiner Interaktion mit der Lebensrealität in Deutschland stehe. Demosprüche wie „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“ haben jedoch eben nicht ihren Bezugspunkt im Koran, sondern in der deutschen Geschichte. Die bei vielen beliebte Importthese hat für den nicht-muslimisch-sozialisierten Teil der deutschen Gesellschaft etwas sehr Verlockendes. Es bietet die Chance, den Antisemitismus auf eine eindeutig identifizierbare Gruppe abzuschieben und so einer Beschäftigung mit dem eigenen Antisemitismus aus dem Weg zu gehen. Für einen Teil der Gesellschaft bietet es zudem den willkommenen Anlass den eigenen Rassismus politisch zu legitimieren. Es gilt daher, die unterschiedlichen Manifestationen von Antisemitismus der letzten Jahre im öffentlichen Raum zu differenzieren, aber auch Gemeinsamkeiten und Verwobenheit herauszuarbeiten. Eine wichtige Gemeinsamkeit ist, dass es sich allesamt um antisemitische Ausdrucksformen der deutschen Gesellschaft handelt.

Und trotzdem, viele der schlimmen antisemitischen Parolen auf den Demonstrationen wurden weitestgehend von Personen mit familiärer Migrationserfahrung aus der Konfliktregion und den angrenzenden Gebieten gerufen. Doch auch hier gilt es wieder zu differenzieren, ohne zu bagatellisieren. Was ist der Grund für das Rufen dieser antisemitischen Parolen? Liegt er im Islam begründet? Waren es überwiegend Muslime, die das gerufen haben? Oder liegt es vor allem darin begründet, dass sie Familienbezüge in die Konfliktregion haben, und der Islam spielt hier keine oder nur eine sehr geringe Rolle?
 

ANTISEMITISMUS ALS PROBLEM DER MITTE DER GESELLSCHAFT
 
Der Appell zu stärkerer Differenzierung bedeutet nicht, dass antisemitische Stereotype oder Deutungsmuster nicht auch islamisch begründet werden können. Wer Judenhass im Namen des Islam zu legitimieren versucht – ganz gleich welcher politischen oder religiösen Richtung – findet auch Anschlussstellen im Koran, via Satellit auf einigen arabischen Sendern oder auf zahlreichen deutschen und ausländischen islamisch argumentierenden Social-Media-Plattformen. Eine Instrumentalisierung der Religion als Legitimationsfläche für antisemitische Ressentiments im muslimischen Milieu darf aber nicht dazu zu führen, Muslim_innen pauschal zu verurteilen. Es sollte nicht vergessen werden, dass sich im Koran auch gegenteilige Lesarten finden oder Lesarten, die den historischen Kontext und Interpretationen hinzuziehen, und dass sich eben auch Muslim_innen oder muslimische Organisationen gegen Antisemitismus engagieren. Dass in Deutschland oftmals in Medien oder Schulen davon gesprochen wird, dass Jugendliche aus muslimisch sozialisierten Milieus Träger antisemitischer Vorurteile seien, täuscht über die Tatsache hinweg, dass auch Mehrheitsangehörige hohe Zustimmungswerte bei antisemitischen Ressentiments und Stereotype haben. Antisemitische Vorurteile und Stereotype lassen sich in allen gesellschaftlichen Schichten und in allen politischen, sozialen und religiösen Spektren antreffen. In vielen Gegenden Deutschlands sind, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, noch immer Rechtsextreme die größte Gefahr für Jüdinnen und Juden.

Antisemitische Vorurteile und Klischees sind darüber hinaus in der Alltagskultur fest verankert. Sie sind auf Schulhöfen, in Gaststätten, bei Fußballspielen oder im Web 2.0 wie Youtube, Facebook und Instagram zu finden. Es gibt zahlreiche Straßennamen oder Schulen in Deutschland, die nach ausgewiesenen Antisemiten aus der Geschichte benannt sind. Stereotype und Klischees über Juden und Jüdinnen finden sich eben auch dort, wo man sie nicht erwarten würde: in Schulbüchern, seriösen Zeitungen oder in beliebten Fernsehsendungen. Judenfeindliche Klischees sind dort zwar kein durchgängiges Muster, aber sie können da, wo sie auftreten, die latent vorhandenen antisemitischen Vorurteile in der breiten Bevölkerung unterstützen und befördern. Antisemitismus ist ein Problem der Mitte der Gesellschaft und damit natürlich auch ein Problem von Muslim_innen.


 
HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE BILDUNSGARBEIT
 
Der Versuch, Individuen zu bestimmten religiösen Gruppen beim Thema Antisemitismus zusammenzufassen und zu vereinheitlichen, wird dem Kampf gegen Antisemitismus nicht gerecht. Der Nahostkonflikt darf nicht, auch in Deutschland nicht, zu einem Krieg zwischen Juden und Muslimen stilisiert werden. Dafür tragen alle Verantwortung – ganz gleich welche religiöse oder politische Selbstpositionierung jemand hat. Ein gemeinsames Leben in Deutschland ist Realität und steht nicht in Frage. Um Antisemitismus begegnen zu können, sollen auch keine religiösen Identitäten aufgegeben werden - sie sind nicht Teil des Problems, sondern können allenfalls Teil der Lösung sein. Denn ganz gleich um welche Form von Antisemitismus und welche religiöse Begründung oder politische Einstellung es sich jeweils handelt: Antisemitismus ist kein abstraktes Phänomen, sondern gehört leider zum Leben von Juden und Jüdinnen in Deutschland dazu. Eine sensibilisierte und kritische Bildungsarbeit ist ein Mosaikstein, um dem etwas entgegenzusetzen.