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Prof. Dr. Jürgen Heyde: Die Einrichtung des Ghettos im Jahre 1516 – ein Ort, zwei Botschaften

Vortrag zur Vernissage der Ausstellung „500 Jahre Ghetto in Venedig – eine Spurensuche“ am 13. Oktober 2016

Der Begriff „Ghetto“ ist untrennbar mit der jüdischen Geschichte Venedigs verknüpft. „Ghetto“ hat aber auch eine über Venedig hinausweisende Bedeutung: Das Wort wird schon im 16. Jahrhundert in anderen italienischen Städten übernommen, um die Wohnviertel der jüdischen Bevölkerung zu bezeichnen. Die Französische Revolution – genauer: die unter Napoleons Führung nach Italien einmarschierenden französischen Truppen – sah „Ghetto“ als Inbegriff der alten Zeit, der feudalen Trennung zwischen Christen und Juden, die jetzt endgültig überwunden sei. In Padua wurde 1799 feierlich die Straße zum Ghetto in „Via Libera“ umbenannt. Doch das Ende des Ghettos war noch nicht gekommen: Nach den Sturz Napoleons wurden in vielen Städten die alten Schranken wieder errichtet, und selbst als alle formalen Trennlinien zwischen Juden und Christen allmählich aufgehoben wurden, wurde „Ghetto“ in ganz Europa und im 20. Jahrhundert dann auch weltweit zum Symbol.

Und als Symbol wurde der Begriff mit den verschiedensten Bedeutungen aufgeladen. Am stärksten im Bewusstsein verankert ist der Versuch der Nationalsozialisten, Ghetto zu einem Glied in der Kette der Vernichtung der europäischen Juden zu machen. Auch vorher schon ist Ghetto häufig als Ort der Ausgrenzung und Entrechtung, als ein Ort des Elends und der Ungerechtigkeit der christlichen Umwelt gegenüber den Juden interpretiert worden. Als solcher war Ghetto immer ein nichtjüdischer, ein den Juden von den Christen aufgezwungener Ort. Aber nicht selten wurde Ghetto auch als jüdischer Ort verstanden – in der Emanzipationszeit als ein Ort, an dem die alten Verhältnisse, die Strukturen einer eigentlich doch überwundenen Epoche fortbestünden: Rückständigkeit, Elend, soziale und geistige Enge seien für das Ghetto charakteristisch. Andere, vor allem zionistische Denker, mochten sich auch ein anderes Ghetto vorstellen: ein Ort, an dem schon in der Diaspora die Juden unter sich sein konnten und ihre Kultur unverfälscht weiter entwickeln.

In diesen innerjüdischen Diskussionen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts spiegelt sich etwas wieder, was – meiner Ansicht nach – bereits im ersten Dokument, gleichsam dem Gründungsakt des Ghettos, aus dem Jahr 1516 zu finden ist: die beiden Botschaften des Ghettos – die nichtjüdische und die jüdische, die ausgrenzende und die einschließende.

Gehen wir zunächst ein wenig hinter das Jahr 1516 zurück. Bereits im 14. Jahrhundert finden sich Zeugnisse, dass Juden regelmäßig in der Stadt Venedig anwesend waren. Der Aufenthalt war aber immer auf kurze Zeiträume begrenzt, und eine dauerhafte Ansiedlung wurde mit Nachdruck unterbunden. Eine jüdische Niederlassung entwickelte sich in Mestre, auf dem venezianischen Festland. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts änderte sich die Haltung des venezianischen Senats. Im Jahre 1503 gestattete er den Inhabern der drei in Venedig tätigen Pfandleihhäusern aus Mestre, sich für die Dauer von zehn Jahren in der Stadt selbst niederzulassen, falls das venezianische Festland, die Terraferma, von Krieg betroffen sei. Dies war rein hypothetische Maßnahme: Venedig sah sich zu dieser Zeit einer feindlichen Koalition gegenüber, in der sich das Heilige Römische Reich, Frankreich, Aragon, England, Ungarn und der Papst zusammengefunden hatten. Die „Liga von Cambrai“ wurde in Venedig als existentielle Bedrohung wahrgenommen, und deshalb kam es zur Ansiedlungserlaubnis: mit dieser Maßnahme sollten nicht nur die jüdischen Bankiers, sondern vor allem die Pfänder ihrer christlichen Kreditnehmer vor dem Zugriff der Feinde geschützt werden.

Als die Kriegshandlungen 1509 dann zum Ende kamen, wies der Senat die Bankiers jedoch nicht wieder aus, sondern verlängerte ihre Aufenthaltsgenehmigung, sowie erneut im Jahr 1513. Die Unsicherheit in der Stadt war noch nicht überwunden –denn die Koalition bestand in veränderter Form weiter, auch wenn der Papst 1510 ausgeschieden war und das Interdikt gegen Venedig aufgehoben hatte. Das Interdikt war die schärfste Form des religiösen Banns, der sämtliche religiösen Handlungen: Gottesdienste, Taufen, Bestattungen untersagte beziehungsweise für unwirksam erklärte.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung beschuldigten einflussreiche Prediger den Magistrat, durch die Erlaubnis zur Niederlassung von Juden den Zorn Gottes auf die Stadt herabgerufen zu haben. Vor allem um die Osterfeste 1515 und 1516 herum wuchsen die Spannungen in der Stadt spürbar an, immer wieder wurden Forderungen nach Ausweisung der Juden erhoben.

Eine Rückkehr nach Mestre erschien wegen der weiterhin andauernden militärischen Bedrohung der venezianischen Terraferma nicht praktikabel. Im Senat wurde zudem diskutiert, dass es der Stadt in ihrer durch den Krieg angespannten Finanzlage ständige Einnahmen bescheren könnte, wenn man den Juden die Niederlassung in Venedig gestatten würde.

Im Jahre 1515 wurde als Ort für eine Ansiedlung die Insel Giudecca erwogen, doch dieser Vorschlag wurde fallengelassen, weil jüdische Vertreter ihn als zu unsicher ablehnten. Im folgenden Jahr, als angesichts des nahenden Osterfestes die Polemik gegen die Anwesenheit der Juden einen neuen Höhepunkt erreichte, kam im Collegio der Vorschlag auf, auf dem befestigten Gelände des Ghetto nuovo ein Wohnquartier für die Juden einzurichten. Trotz der Proteste der jüdischen Bankiers, welche um die Sicherheit fürchteten, wenn ihre Wohnungen von der christlichen Umwelt isoliert seien, stimmten der Doge und der Senat diesem Vorschlag zu.

Das neue Wohngebiet entstand auf einer Insel in der Vorstadt Cannaregio, auf dem Gelände einer ehemaligen Gießerei. Darin liegt auch der Ursprung des Wortes „Ghetto“, und es erklärt, warum zuerst das „neue Ghetto“, das Ghetto nuovo, und ein Vierteljahrhundert später dann das „alte Ghetto“ – Ghetto vecchio erschlossen wurde.

Der neue Vorschlag sollte einen Kompromiss finden, der sowohl der Forderung nach Entfernung der Juden aus der Stadt als auch den Sicherheitsbedürfnissen der jüdischen Bevölkerung Rechnung tragen würde. Wichtig war aber auch, dass der Senat damit wieder als Herr des Verfahrens erschien: nach der Zustimmung von Doge und Senat hatten weder die Bedenken der jüdischen Vertreter noch die Einwände der Hausbesitzer im Ghetto nuovo prinzipielle Bedeutung für die Umsetzung der Pläne.

Die Regelungen für das neue Wohngebiet scheinen vom Fondaco dei Tedeschi übernommen worden zu sein, jenem Quartier für die nordalpinischen Kaufleute, denen eine freie Niederlassung in der Stadt ebenfalls nicht gestattet war. Ähnlich wie das Ghetto nuovo war der Fondaco in der Nacht verschlossen und bewacht; auch den deutschen Kaufleuten war der Erwerb von Grundbesitz verwehrt. Allerdings sollten die Kaufleute im Fondaco nur während der Abwicklung ihrer Geschäfte residieren; dagegen bot das Ghetto die Möglichkeit einer dauerhaften Niederlassung, nicht allein für die jüdischen Geschäftsleute, sondern auch für ihre Familien. Ein Unterschied bestand auch in der Lage: der Fondaco dei Tedeschi lag südlich des Canale grande, innerhalb der Stadtmauern, das Ghetto nuovo nördlich davon. Als im 17. Jahrhundert dann der Fondaco dei Turci für die osmanischen Kaufleute angelegt wurde, dienten beide ältere Wohnbezirke als Vorbilder.

Vor diesem Hintergrund wirkt es zunächst überraschend, wie die Urkunde des Senats von Venedig vom 29. März 1516 argumentiert. Nicht die dauerhafte Ansiedlung der Juden steht hier im Mittelpunkt, sondern ganz im Gegenteil: Gleich zu Beginn wird darauf verwiesen, dass mit diesem Rechtsakt ein alter Zustand wieder hergestellt werden sollte, demzufolge Juden nicht in der Stadt bleiben sollten. Dazu sei es überhaupt nur durch die „perfidia hebraica“ und durch außergewöhnliche Zeitumstände gekommen. Um diese Unordnung und dieses Ungemach zu beenden, habe der Senat beschlossen, dass die Juden nun gemeinsam in dem Hof mit Häusern wohnen müssten, welche im Ghetto bei der [Kirche] San Girolamo liegen. Damit die Juden nicht die ganze Nacht mit großem Lärm umhergingen, zum größten Missfallen des Herren Jesu Christi, errichte man an der Grenze zum Ghetto vecchio ein kleines Tor und genauso an der anderen Seite, zur Brücke hin. Diese seien über Nacht zu verschließen und würden am Morgen wieder geöffnet. Dazwischen seien hohe Mauern zu errichten, und alle anderen Ausgänge seien zu verschließen. Sich des Nachts außerhalb der Tore aufzuhalten sei strafbar und werde mit wachsenden Bußen geahndet. Die Torwächter sollten Tag und Nacht dort wohnen, um es zu bewachen; zusätzlich sollten zwei Boote um das Ghetto herumfahren. Die Besatzungen seien von den Juden zu bezahlen.

Darüber hinaus sei es beschämend und ein äußerst schlechtes Bespiel, dass die Juden überall im Lande Synagogen hätten, zu denen Christen und Christinnen kämen, und dort sängen die Juden ihre Gebete mit lauter Stimme und allgemeinem Rufen. Damit dieser Missbrauch nicht andauere, sollten die Juden an keinem Ort dieser Stadt eine Synagoge besitzen, auch nicht an dem genannten Ort, also dem Ghetto, sondern nur in Mestre, wie es vor dem Krieg gewesen sei.

Diese Urkunde schuf in materieller Hinsicht einen neuen Wohnbezirk und erließ rechtliche Bestimmungen für die jüdische Bevölkerung, doch die zitierten Fragmente machen deutlich, dass der eigentliche Adressat ein ganz anderer war. Die Urkunde richtete eine Botschaft an die venezianische Bevölkerung, insbesondere an die Kleriker, deren Predigten über den Zorn Gottes die Bevölkerung in Unruhe versetzt hatten. Diese Botschaft hieß: Die Missstände, die ihr beklagt habt, werden abgestellt, der frühere (=gute) Zustand wieder hergestellt. Die Kritik an der jüdischen Präsenz in Venedig war ja vor allem eine Kritik am Senat gewesen, der durch seine Politik den Niedergang der Republik heraufbeschworen habe.

Die Wohnverhältnisse im neuen Wohnbezirk waren von Anfang an problematisch, denn es waren nicht nur die Inhaber der drei Pfandleihhäuser, für die das erste Privileg von 1503 ausgestellt worden war, nach Venedig gekommen. Zudem hatte der Senat verordnet, dass auch im Ghetto nuovo nur Christen Grundbesitz haben sollten. Die notwendigen Wohnhäuser sollten von den Grundeigentümern auf eigene Kosten erbaut und dann an Juden vermietet werden. Die so errichteten Häuser boten zu wenig Wohnraum, so dass es in den ersten Jahren zu zahlreichen Klagen über Spekulation seitens der christlichen Grundbesitzer kam. Jüdische Bewohner des Ghetto nuovo ließen auf eigene Kosten Erweiterungen an den Gebäuden anbringen, um die verfügbare Wohnfläche zu vergrößern. Darüber entbrannten Konflikte mit den Grundbesitzern um die Eigentumsrechte an den Häusern und Wohnungen.

Die damit verbundene Unsicherheit bestimmte das erste Jahrzehnt des neuen jüdischen Bezirks; erst um 1530 lässt sich eine Beruhigung der Konflikte erkennen. In dieser Zeit wurde die Verfügungsgewalt der jüdischen Bewohner über die Häuser formalisiert und gestärkt, so dass die venezianischen Gerichte den Juden ein faktisches Besitzrecht an den Häusern einräumten. Die Wohnungen konnten verkauft und vererbt werden, ohne dass der Grundeigentümer Einfluss darauf nehmen konnte. Zwar gab es bis in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts hinein immer wieder Kontroversen um diese Rechtsauslegung, doch die Gerichte der Stadt blieben ihrer Linie treu. Ihren Ausdruck fand diese Rechtsauffassung in einem neuen Lehnwort im Venezianischen: „jus gazaga“ oder „casaca“ – aus dem hebräischen „chazakah“. Es drückte eben diese erbliche Verfügungsgewalt über die Häuser und Wohnungen aus, welche vom Besitzrecht an Grund und Boden abgekoppelt wurde.

Ohne einen neuen Rechtsakt wurde in dieser Zeit eine der diskriminierenden Kernbestimmungen des Edikts von 1516 aufgehoben: das Verbot, auf venezianischem Gebiet außerhalb von Mestre Synagogen zu unterhalten. Im Jahre 1528/29 wurde im Ghetto nuovo die Scuola Grande Tedesca errichtet, 1532 folgte die Scuola Canton; seit dem späten 16. Jahrhundert folgten weitere Synagogen und Lehranstalten.

Bei der Einrichtung des Ghettos im Jahre 1516 fällt auf, wie eine scharf auf Ausgrenzung zielende Rhetorik genutzt wird, um ein inkludierendes Programm umzusetzen. Man kann diesen Vorgang auch nicht als einen einmaligen Gründungsakt verstehen; die Urkunde vom 29. März ist nur ein Schritt in einem fortlaufenden Aushandlungsprozess. Daran waren nicht nur der Senat und Vertreter der jüdischen Bevölkerung beteiligt, sondern eine Art indirekter Verhandlung lief zwischen dem Senat und den Oppositionskräften in der venezianischen Stadtgesellschaft. So kam es zu den scharfen Formulierungen und zu scheinbaren Inkonsequenzen bei der Umsetzung dieses Rechtsakts.

Die ausgrenzende Rhetorik des Edikts hatte ihre Aufgabe Ende 1516 erfüllt, als sich die Lage in der Stadt mit dem Ende der Kriegsgefahr beruhigt hatte. Der Senat hatte demonstriert, dass er die Kritik ernst nahm. Das Edikt erschien als Maßnahme zur Exklusion der jüdischen Bevölkerung, auch wenn es weit hinter den Forderungen der Prediger zurückblieb. Gegenüber den jüdischen Vertretern wiederum konnten die Maximalforderungen nach Ausweisung als Druckmittel genutzt werden, um Zugeständnisse in anderen, zumeist finanziellen Fragen zu erlangen.

Ein Vierteljahrhundert später fasste der venezianische Senat den Entschluss, den jüdischen Siedlungsraum zu erweitern. Diesmal waren nicht die jüdischen Bankiers, sondern jüdische Kaufleute, die im östlichen Mittelmeer, der Levante, tätig waren, die treibende Kraft. Erneut zeigten sich aber auch Initiativen von Gegnern einer jüdischen Präsenz in Venedig. Im Juni 1541 legte der Handelsmagistrat dem Senat einen Bericht zum Stand des Levantehandels vor. Darin wurden zunächst die „objektiven“ Interessen der Stadt eingehend besprochen, bevor dann über die Anfrage der jüdischen Kaufleute berichtet wurde. Diese hätten sich an den Handelsmagistrat gewandt, weil sie nicht genug Platz zum Leben im Ghetto hätten, wegen der Enge dort. Deswegen habe dieser beschlossen, dafür zu sorgen, dass die jüdischen Kaufleute Raum für ihre Unterkunft erhielten, damit sie mehr Grund hätten, mit ihren Waren zu kommen, zum Nutzen der Stadt, und damit sie einen Platz zum Wohnen erhielten. Die reisenden jüdischen Kaufleute sollten im Ghetto untergebracht werden. Und sollten sie dort nicht unterkommen können, weil es an Platz mangele, so solle das Kolleg die Autorität haben, sie so gut es geht im Ghetto vecchio unterzubringen, gemäß den Bedingungen und Vorschriften, welche das Kolleg diesem Magistrat mitgeben würde. Der Senat schloss sich dem Vorstoß des Handelsmagistrats an.

Auf diese Weise rückte eine Argumentationslinie wieder in den Vordergrund, welche bei den Aufenthaltsgenehmigungen von 1509 und 1513 im Mittelpunkt gestanden hatte, aber in der Urkunde 1516 gänzlich übergangen wurde: der wirtschaftliche Nutzen der Stadt durch jüdische Akteure. Damals waren es Bankiers gewesen, nun handelte es sich um Fernkaufleute. Ähnlich wie ein Vierteljahrhundert zuvor wurden die beschlossenen Maßnahmen mit einer exkludierenden Rhetorik verknüpft: Die Senatsurkunde hob hervor, dass die genannten Juden allezeit eingeschlossen und bewacht sein sollten, wie dies gegenwärtig auch für jene im Ghetto nuovo gelte. Zudem sollten sich die jüdischen Kaufleute nicht im Bankgeschäft oder im Gebrauchtwarenhandel engagieren, sondern allein im Levantehandel.

Knapp drei Wochen später lag ein erster Bericht des Handelsmagistrats über die Baumaßnahmen im Ghetto vecchio vor. Das Tor zwischen den Geländen des Ghetto nuovo und des Ghetto vecchio wurde verlegt, und auch die Torwächter bezogen am neuen Platz ihre Stellung. Bei drei Häusern an der Grenze des neuen Siedlungsgebiets sollten die nach außen weisenden Türen zugemauert und neue, nach innen weisende, eingefügt werden; zum Cannaregio weisende Balkone seien abzunehmen, die Fenster dorthin zu vergittern, damit kein Kontakt zu den auf dem Gelände des Ghetto vecchio wohnenden Christen bestehe. Darüber hinaus wurde hervorgehoben, dass die jüdischen Kaufleute dort allein leben sollten. Es sei ihnen untersagt ihre Familien mitzubringen, auch dürfe ihr Aufenthalt dort eine Zeit von vier Monaten hintereinander nicht überschreiten. Zudem dürfe sich kein Jude außer den Levantehändlern im Ghetto vecchio niederlassen.

In diesen Regelungen dominierte erneut die Rhetorik der Abgrenzung. Damit konnten die venezianischen Obrigkeiten argumentieren, es sei wieder einmal kein dauerhafter Lebensraum geschaffen worden, und durch die strikte Segregation gelte auch weiterhin, dass keine Juden in Venedig ansässig seien. Die baulichen Maßnahmen wiederum standen in deutlichem Widerspruch zur Rhetorik der Vorläufigkeit. Sowohl die Abmessungen des Gebiets als auch die umfangreichen Investitionen zeigen, dass hier sehr wohl eine dauerhafte Lösung signalisiert wurde. Die Aufenthaltsgenehmigungen wurden bald auf zwei Jahre und die Familienangehörigen ausgedehnt. Sie mussten immer wieder bestätigt und neu verhandelt werden, doch sie bildeten faktisch eine stabile Grundlage für die jüdische Präsenz in der Stadt.

Wie sehr diese Präsenz zum Normalfall geworden war, zeigt die Reaktion des Senats nach 1630, als eine weitere Erweiterung des jüdischen Siedlungsbezirks beschlossen wurde – diesmal um attraktiven Wohnraum für künftig zuziehende Familien zu schaffen. Gegen diese Initiative regte sich erneut Widerstand, allerdings protestierten nun christliche Grundstücksbesitzer ebenso wie jüdische Wohnungseigentümer im bisherigen Ghetto. Die Erweiterung wurde durchgeführt, obwohl beide auf unvermietete Häuser im Ghetto nuovo und Ghetto vecchio verwiesen. Das neue Gebiet wurde als Ghetto nuovissimo bezeichnet, obwohl es nicht auf jenem Gebiet lag, das zuvor als „Ghetto“ (nuovo und vecchio) bezeichnet worden war.

Als der Senat von Venedig im Jahre 1516 das erste Wohnviertel für die jüdische Bevölkerung einrichtete, war dieser Schritt von heftigen Diskussionen und prinzipiellem Widerstand begleitet. Die erste Erweiterung im Jahre 1541 versuchte demzufolge auch, den Eindruck eines Provisoriums zu erwecken, welches den Bewohnern nur einen kurzzeitigen Aufenthalt gewähre. Es dauerte fast ein halbes Jahrhundert, bis die Dauerhaftigkeit des Ghetto vecchio auch in einer Urkunde des Senats ihren Ausdruck fand. Einige Jahrzehnte später wiederum, spielten prinzipielle ideologische Bedenken gegen eine erneute Erweiterung des jüdischen Wohnbezirks keine nennenswerte Rolle mehr. Waren im Ghetto nuovo bereits unmittelbar nach seiner Einrichtung räumliche Enge und unzulängliche Wohnverhältnisse charakteristisch, so zeigen die Erweiterungen von 1541 und 1633, dass dies von der venezianischen Obrigkeit nicht als ein konstitutives Merkmal für einen jüdischen Wohnbezirk angesehen wurde. Die ideologische Komponente, der Wunsch nach Ausgrenzung und Marginalisierung der Juden, wie er in der Urkunde von 1516 aufscheint, zeigt sich in baulichen und anderen Beschränkungen, wie sie immer wieder gefordert und von Zeit zu Zeit auch durchgesetzt wurden. Auf der anderen Seite wurde das Ghetto von jüdischer Seite als ein permanenter Lebensraum angenommen, der nach eigenen Vorstellungen gestaltet und bei Bedarf auch erweitert werden konnte – ein Raum in Venedig und nicht, wie zuvor auf der Terraferma.

Die Urkunden von 1516 und 1541 verweisen auf beide Tendenzen. Sie sprachen eine nichtjüdische Öffentlichkeit an, indem sie auf die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes verwiesen, demzufolge Juden nicht in Venedig hätten residieren dürfen oder indem sie den temporären Charakter des Aufenthalts unterstrichen. Sie sprachen aber auch eine jüdische Öffentlichkeit an, indem sie die baulichen Maßnahmen spezifizierten, welche die zugewiesenen Wohngebiete als dauerhafte Siedlungsgebiete markierten.

„Ghetto“ hatte sich in Venedig schon früh als eine Art Eigenname jenseits der topographischen Bezeichnungen Ghetto nuovo oder Ghetto vecchio eingebürgert. Es war ein Name für ein jüdisches Viertel, das nicht jüdisches Viertel heißen durfte, wie die anhaltenden Diskussionen um die „Wiederherstellung des guten alten Zustands“ oder die Vorläufigkeit der jüdischen Präsenz zeigen. Von jüdischer Seite war Ghetto ein Name, der mit eigenem Inhalt gefüllt werden konnte, dem die Juden in ständigen Verhandlungen mit der Obrigkeit eine eigene Form verliehen. Dies machte den Begriff auch außerhalb Venedigs attraktiv – immer wieder bot Ghetto die Möglichkeit, obrigkeitliche Ausgrenzungsdebatten mit inkludierender Praxis zu vereinen.