Die Europäische Janusz Korczak Akademie ist ein Partner der Jewish Agency for Israel.

Unser Namensgeber

Janusz Korczak. Sein Leben und sein Wirken

von Kathrin Diehl

Im Jahre 1878, es könnte auch ein Jahr später gewesen sein, der Vater nahm es, was Stempel und Behördengänge anbelangte, nicht so genau, vielleicht 1878 also wird Janusz Korczak, der eigentlich Henryk Goldszmit heißt, in Warschau geboren. Und alles hatte seine Ordnung. Seine Familie gehört dem assimilierten Judentum an, ist in der Stadt hoch angesehen und führt ein gutes Leben.

Als Henryk 17 Jahre alt ist, stirbt der Vater. Henryk ist tief getroffen. Er nimmt Gelegenheitsarbeiten an, um sich, die Mutter, die Schwester Anna über Wasser zu halten. Hatte er als Kind schon einen auffallend neugierigen wie sensiblen Blick für die Not anderer gehabt, vor allem die gleichaltriger Kinder, spürt er nun als junger Mann am eigenen Leib, was es bedeutet, arm zu sein.

Nach der Schule, der er erleichtert den Rücken kehrt – den Methoden der damaligen Zeit konnte er rein gar nichts abgewinnen –, beginnt Janusz Korczak 1898 in Warschau Medizin zu studieren. Dass er sich dabei von Anfang an von seinem Anspruch leiten lässt, dem Kind gerecht zu werden, ihm zur Seite zu stehen, schlägt sich in seinen literarischen Arbeiten nieder, die all seine Tätigkeiten begleiten. Er schreibt über Kinder, für Kinder, in Zeitungen, Zeitschriften, wird später eine Erziehungsberatungssendung im Rundfunk bekommen („Fröhliche Pädagogik“), die sich bei den Hörern äußerster Beliebtheit erfreut. Als Schreiber hat sich Henryk Goldszmit einen neuen Namen zugelegt: Janusz Korczak nennt er sich. Unter diesem Namen wird er bekannt, der „Doktor Janusz Korczak“. Janusz Korczak praktiziert in verschiedenen Krankenhäusern, ist Mitarbeiter in Sommerkolonien für Kinder, reist in die Metropolen Europas, um dort den Kollegen über die Schulter zu schauen.

1911 übernimmt er als Leiter das neu gegründete jüdische Waisenhaus „Dom Sierot“ in Warschau, Krochmalnastraße 92. Bis zur Auflösung im Jahre 1942 wird er dessen Direktor bleiben. Das Waisenhaus ist sein Reich, hier hat er die Möglichkeit, seine Ideen und Gedanken, papierne Theorien, wahr werden zu lassen. Hier lässt er seine „Kinderrepublik“ entstehen, in der Kinder mitbestimmen und mitsprechen dürfen, durchdacht bis ins letzte Detail („Stellt Hocker unter jedes Fenster, damit auch die Kleinen raus sehen können!“) und voller origineller Ideen, die dem kindlichen Denken entgegen kommen („Dort, auf meinem Regal steht die Glasflasche, die ich mit den Tränen der Kinder fülle...“). Der Alltag fürs Kind verlangt nach Struktur, nach Regelmäßigkeit, findet Janusz Korczak, und dazu dienten auch die jüdischen Feiertage, zuallererst aber der Schabbat, dem der Jude, der Janusz Korczak, je ferner er sich der Religion fühlte, umso mehr war, in seinem Waisenhaus die Tür öffnete (wenn das die Kinder nicht schon längst erledigt hatten). Feiertage gehören also fest dazu im Waisenhaus, auch ein paar dazu erfundene (Feiertag für den ersten Schnee, Feiertag voll und ganz im Bett zu verbringen, ...).

Janusz Korczak beobachtet seine Kinder genau, er muss Rückschläge hinnehmen, seine Idealvorstellungen überdenken. Manchmal überfordert er seine Kinder, weil er ihnen alles zutraut, manchmal überfordern sie ihn, manchmal macht er seinen Helfern und Helferinnen das Leben schwer. Ein einfacher Mensch war Janusz Korczak nicht. Aber die Arbeit in seinem „Dom“ erfüllt ihn und macht ihn sehr müde. Am Ersten Weltkrieg nimmt Janusz Korczak als Chefarzt eines Divisionslazaretts teil. 1918 erscheint sein Buch „Wie man ein Kind lieben soll“, in dem man seinen Blick aufs Kind erlesen und erfühlen kann, ebenso wie seine Forderungen an die Erwachsenen, ihren Umgang mit dem Kind zu überdenken. 1926 gründet er die erste Kinderzeitung weltweit, die von Kindern für Kinder gemacht wird („Kleine Rundschau“).

1933 kommen in Deutschland die Nationalsozialisten an die Macht. Janusz Korczak reist zweimal nach Palästina, nimmt Einblick ins Kibbuzleben und ist schwer beeindruckt. Hier ließe sich etwas aufbauen, wenn nicht die Sehnsucht nach seinem Polen, nach seinem Warschau und seinen Kindern größer wäre... Er kehrt zurück nach Hause.

1939 überfallen die ersten deutschen Truppen Polen. 1940 wird in Warschau das jüdische Ghetto errichtet, in das alle Juden der Stadt ziehen müssen. Auch Korczaks Waisenhaus übersiedelt dorthin. „Der Doktor“ ist kränklich und schwach. Jeden Morgen geht er mit einem Sack auf dem Rücken los und verlangt von den Ghettobewohnern, etwas abzugeben für die Kinder. Essen, das ist jetzt das Wichtigste. Beinahe genauso wichtig ist es, im Waisenhaus einen Alltag aufrecht zu erhalten mit der Theatergruppe, dem Kindergericht, dem Basteln in der Werkstatt, mit all den Türen, die immer offen stehen sollen... Aber die Kraft der Kinder und die der Erwachsenen im Haus lassen nach. Am 2. August 1942 werden Janusz Korczak, die Erzieherin Stefania Wilczynska (Korczaks ausgleichende, rechte Hand) und etwa 200 Kinder von SS-Truppen zum Umschlagplatz des Warschauer Ghettos getrieben und ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert.

„Dort verlieren sich ihre Spuren.“ Nein, das tun sie nicht.

Die „drei Grundrechte für das Kind“, die Janusz Korczak in den 20er Jahren formuliert hat und die bis in den Gesetzestext der UNO Niederschlag gefunden haben, bieten Gesprächsstoff und einen Einstieg, der zu einiger Hoffnung Anlass gibt: „Ich, Janusz Korczak, fordere die Magna Charta Libertatis als ein Grundgesetz für das Kind.“