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Gegen Juden gerichtete Kampagnen in Deutschland und Europa am Beispiel der Beschneidungsdebatte

GEGEN JUDEN GERICHTETE KAMPAGNEN IN DEUTSCHLAND UND EUROPA AM BEISPIEL DER BESCHNEIDUNGSDEBATTE
Elke WittichElke Wittich ist Redakteurin der Berliner Wochenzeitung Jungle World und schreibt als freie Journalistin für verschiedene Zeitungen, unter anderem für die taz, die Jüdische Allgemeine, konkret und Stuttgarter Nachrichten. Als Referentin war Wittich u.a. beim Projekt „EJKA MediaWatch“.
 
Die Bezeichnung „Beschneidungsdiskussion“ trifft das, was im Sommer 2012 die Schlagzeilen beherrschte, nicht ganz. Die Debatte entstand nämlich nicht zufällig, sondern war das Resultat einer Kampagne – und obwohl es beim sie auslösenden Urteil des Landgerichts Köln um die Beschneidung eines vierjährigen muslimischen Jungen in Vollnarkose gegangen war, erstreckte sie sich umgehend auch auf die Brit Mila. Rabbiner und Mohel David Goldberg aus Hof wurde im August 2012 unter Berufung auf das Kölner Urteil von einem hessischen Arzt angezeigt. Obwohl der zugrundeliegende Fall eine Beschneidung in einem Krankenhaus gewesen war, hatte sich der Mediziner also keinen Kollegen, sondern einen Mohel als Klageobjekt ausgesucht, der bereits 3000 Beschneidungen ohne jegliche Komplikationen durchgeführt hatte (auch der betreffende Fall verlief komplikationsfrei). Der Eindruck vieler Juden, dass die Beschneidungsdebatte für manche Deutsche eine willkommene Gelegenheit sei, über „das Judentum“ Gericht zu halten, wurde dazu auch noch dadurch verstärkt, dass die Betroffenen selber, also jüdische Männer, in der Diskussion kaum zu Wort kamen. Hauptsächlich redeten nämlich die, die schon seit Jahren aus unterschiedlichen Gründen gegen die Beschneidung agitierten.
 
So abstrus die Debatte zeitweise verlief, so wichtig ist es aber, sie mit einigen Jahren Abstand noch einmal nachzuvollziehen, damit in ähnlichen zukünftigen Fällen die schockierte Sprachlosigkeit schneller aktiver Beteiligung an der Diskussion weichen kann.
DER TAG X: DER ANFANG DER DEBATTE
Als das Kölner Landgericht Anfang Mai 2012 die Beschneidung von Jungen aus nichtmedizinischen, also religiösen, Gründen als „Körperverletzung“ einstufte, rechnete eigentlich niemand damit, dass aus diesem Urteil eine Debatte werde würden, die Deutschland einen ganzen Sommer lang beschäftigen würde.
 
Dass der Fall des muslimischen Jungen, der von einem muslimischen Arzt beschnitten worden war und etwas später aufgrund von Komplikationen in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste, auch für Juden dazu führte, Grundlagen ihrer Religion vor einem regelrechten Internetmob verteidigen zu müssen, war zunächst auch nicht abzusehen gewesen. Denn kaum jemand hatte bemerkt, dass Beschneidungsgegner auf diesen Tag X glänzend vorbereitet waren und sich umgehend daran machten, die öffentliche Meinung mit plakativen Sprüchen und Beispielen für sich einzunehmen.
 
Den Anfang machte allerdings ein Mann, der aufgrund seiner Lehrtätigkeit als seriös galt. Der Sachse Holm Putzke, Rechtswissenschaftler und Lehrprofessor an der Universität Passau, war allerdings auch nicht völlig unvorbereitet in die Debatte gegangen, denn schon 2008 hatte er sich in Fachartikeln mit juristischen Argumenten gegen die religiöse Beschneidung positioniert. Bestärkt wurde er darin von seinem Doktorvater Bruno Herzberg. Putzke nutzte nach dem Urteil seine journalistischen Kontakte, um seine Sicht der Dinge in renommierten Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen (FAZ) und der Financial Times Deutschland (FTD) zu verbreiten.
 
Dass die Kölner Oberstaatsanwältin, die den Fall des Vierjährigen vor Gericht brachte, in ihrer Klageschrift laut Tagesspiegel „im Wechsel Putzke und dessen Lehrer Herzberg“ als Beleg für die Unrechtmäßigkeit der Beschneidung zitierte, war kein Zufall; ebenso wenig die Tatsache, dass der Jurist kurz nach seinem medialem Vorstoß von der religionsfeindlichen und nach einem ausgewiesenen Antisemiten benannten Giordano Bruno-Stiftung als polizeiwissenschaftlicher Beirat ernannt wurde.
 
Trotz Putzkes Bemühungen fiel die Beschneidungsdebatte in den deutschen Medien eher eindeutig aus. Die Religionsfreiheit umfasse eben auch das Recht von Eltern, ihre Söhne beschneiden zu lassen, lautete mehrheitlich der Tenor, auch wenn dadurch das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes beeinträchtigt werde. Der deutsche Bundestag beschloss am 28. September 2012 ein Gesetz über die Beschneidung von Jungen, das Eltern ausdrücklich das Recht zuweist, in medizinisch nicht erforderliche Beschneidungen einzuwilligen:
 
 „In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind.“
 
Im Gegensatz zu den traditionellen Medien wurde die Debatte im Internet weit eindeutiger geführt.

 
WER STECKT DAHINTER? DIE BESCHNEIDUNGSGEGNER-SZENE
In einschlägigen Internetforen und Facebook-Gruppen hatten verschiedene Gruppen schon seit Jahren Argumente gegen die so genannte „Knabenbeschneidung“ gesammelt und sich dabei auch mit ähnlichen Gruppen in den USA vernetzt. Diese gehören in aller Regel zur Verschwörungstheoretiker-Szene, die meistens antisemitisch ausgerichtet ist und sehr lange von der Öffentlichkeit unbeobachtet vor sich hin werkeln konnte. Gearbeitet wurde und wird in diesen Kreisen mit allem, was man heute von Pegida und ähnlichen Gruppen kennt: Halbwahrheiten, gefälschten Bildern, aus dem Zusammenhang gerissenen oder bewusst falsch übersetzten Zeitungsartikeln und anonymen Aussagen angeblich Betroffener. Das beabsichtigte Ziel, Ängste, Zweifel und Hass schüren, wurde im Rahmen der Beschneidungsdebatte erreicht.
 
Dass die Gegner der Zirkumzision 2012 mit ihrer Propaganda nicht nur weitgehend unwidersprochen durchkamen, sondern auch in gutbürgerlichen Kreisen Gehör fanden, wirkt aus heutiger Sicht erstaunlich. Um zu verstehen, warum dies so war, muss man sich vergegenwärtigen, dass drei Jahre in einer Gesellschaft, die sich erst langsam mit den bösartigen Auswüchsen des Internets auseinanderzusetzen beginnt, eine sehr lange Zeit sind.
 
Im Jahr 2012 wurden Hetze und das Verbreiten von glatten Lügen und als Fakten verkauften Halbwahrheiten von der breiten Masse als nicht weiter bedrohliches, auf einige Nazi-Seiten beschränktes Problem angesehen. Verschwörungstheoretiker galten als weitgehend harmlose Spinner – dass ihre Propaganda unter anderem darauf ausgerichtet war, die in diesen Kreisen gern als authentisches Dokument verbreiteten Protokolle der Weisen von Zion nachträglich als echte Dokumente zu legitimieren, wurde allgemein noch nicht durchschaut. Dass der gefeierte Held Julian Assange ein Judenhasser war, der sich zudem mit ausgewiesenen Antisemiten umgab, und die von Wikileaks veröffentlichten Dokumente immer auch ganz eindeutig das Ziel hatten, Israel und den USA zu schaden, wurde ebenfalls erst sehr viel später durch Massenmedien thematisiert, obwohl die entsprechenden Fakten schon sehr früh bekannt waren.
 
Die Gegenseite bestand allerdings nicht nur aus wirren Verschwörungstheoretikern, die heute im Internet eher Gefahr laufen, ausgelacht zu werden. Unterstützung erhielten die Beschneidungsgegner von einer Gruppe, die in der Wahl ihrer Mittel nicht eben zimperlich ist: „Maskulisten“ – Männerrechtler. (Auch Holm Putzke ist in der Nähe dieser Bewegung zu verorten.) Nachdem in Europa und Nordamerika die weibliche GenitalverstümmelungAusgehend von Skandinavien, wo man mit Entsetzen festgestellt hatte, dass Mädchen aus bestimmten Kulturkreisen auch in Oslo, Stockholm und Kopenhagen die Klitoris entfernt wurde, war die weibliche Genitalverstümmelung in vielen Ländern angeprangert und schließlich verboten worden. Dies war nicht zuletzt dem mutigen Auftreten des aus Somalia stammenden österreichischen Supermodels Waris Dirie Ende der Neunziger zu verdanken gewesen. Dirie war als Fünfjährige beschnitten worden und hatte ihre Erfahrungen im Bestseller Wüstenblume verarbeitet. Reportagen mit fürchterlichen Bildern, wie schreiende Mädchen verletzt werden, hatten ihr Übriges zu den Verboten beigetragen. zum Thema geworden war, sah man endlich die Chance gekommen, die angebliche Ungleichbehandlung von XY-Chromosomenträgern zu beweisen. Maskulisten argumentierten daraufhin damit, dass es ein Skandal sei, die männliche Beschneidung nicht gleichfalls juristisch zu ahnden.
 
Der Begriff war „männliche Genitalverstümmelung“ zuerst in den USA aufgekommen, wo viele Einwände gegen die Gleichsetzung der Knabenbeschneidung mit Genitalverstümmelung bei Mädchen Ein solcher Einwand ist z.B., dass ein beschnittener Mann im Gegensatz zu einer genitalverstümmelten Frau ganz normal und natürlich auch schmerzfrei sexuelle Freuden erfahren kann. mit erstaunlichen Horrorgeschichten gekontert wurden. Diese angeblich authentischen Leidensgeschichten beschnittener Männer wurden auch in den deutschen Internetforen verbreitetet, in denen der Verlauf der Beschneidungsdebatte maßgeblich mitgesteuert wurde. Dass niemand die übertriebenen und zum Teil klar erfundenen Geschichten anzweifelte, hatte wohl gleich zwei Gründe: Zum einen wollten die meisten Leser den Schilderungen wohl gern glauben; und zum anderen bestätigten sie prima die eigenen Vorurteile gegen Juden und Muslime.
 
Juden hatten einer solch zielgerichteten Kampagne zunächst kaum etwas entgegenzusetzen, zumal die Beschneidungsgegner mit Methoden arbeiteten, die den meist bürgerlichen und nicht unbedingt internetaffinen Pro-Beschneidungs-Aktivisten völlig unbekannt waren. Selbst zu geschlossenen Facebook-Gruppen, in denen z.B. Juden und Muslime die Lage diskutierten, versuchten sie sich regelmäßig und oft erfolgreich Zugang zu verschaffen. Damit, dass plötzlich auf den Seiten der Beschneidungsgegner Screenshots von Threads dieser Gruppen kursierten, Namen und persönliche Details der Mitglieder veröffentlicht wurden und Drohungen ausgesprochen wurden, waren die meist jüdischen Administratoren absolut überfordert. Ihnen beizubringen, wie man beispielweise Zweitaccounts erkennt und wie Google dabei helfen kann, Neuanmeldungen zu überprüfen, brauchte eine Menge Zeit.

 
Immerhin hat seit 2012 eine gewisse Sensibilisierung für die Methoden, mit denen online eine solche Kampagne geführt wird, stattgefunden: Selbst in den Gruppen, in denen sächsische Rassisten ihren Widerstand gegen in ihrem Ort geplante Asylbewerberheime organisieren, verlangen die Mitglieder zunehmend nach Beweisen und Quellen für die dort gern verbreiteten Lügenmeldungen über von Flüchtlingen vergewaltigte Kinder und ermordete Frauen. Nicht zuletzt liegt es daran, dass es mit Zuerst Denken – Dann Klicken eine eigene Webseite gibt, die die Bilderfälschungen und vorgetäuschten Nachrichten sammelt und auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht. Auch die Polizei ist dazu übergegangen, Hetzbeiträge in Pressemeldungen zu entlarven und vor ihrer Verbreitung zu warnen.
 
UNLAUTERE DISKUSSIONSTAKTIKEN
 
Das Arsenal an unlauteren Diskussionstaktiken, dass die Beschneidungsgegner neben den vermeintlichen Erfahrungsberichten einsetzten, ist recht typisch für die Diskussionsführung von verschwörungstheoretischen und/oder antisemitischen Internethetzern:
 
  • gefälschte Berechnungen (in diesem Fall solche, in denen der entfernte kleine Vorhaut-Schnipsel fast zu einem eigenen Organ hochgerechnet wurde)
  • haltlose Behauptungen
  • Verweise auf unseriöse Quellen
  • aus dem Zusammenhang gerissene, falsch übersetzte englischsprachige Zitate
  • Strohmannargumente: Übertreibung der gegnerischen Position, um sie ins Absurde zu ziehen und leichter widerlegen zu können
  • Zitier-Pingpong: Zitierung befreundeter Aktivisten-Webpages, die es Lesern sehr erschweren, nach der wirklichen Quelle für Behauptungen zu suchen
  • Unterstellung eines unlauteren Motivs für die Gegenposition (in diesem Fall Klage über geldgierige Mediziner, die mit Beschneidungen reich werden)
 
In fast jedem Facebook-Freundeskreis gibt es eine Person, die grundsätzlich jede Freundschaftsanfrage annimmt. Wenn dann ein neuer Kontakt bereits mit jemandem, den man kennt, befreundet ist, macht es Menschen mit gefälschten Profilern („Fakern“) leicht, Kontakt auch zu misstrauischeren Nutzerinnen und Nutzern herzustellen. Darauf zu achten, wer wen tatsächlich kennt und im Zweifel nachzufragen, empfiehlt sich eigentlich immer.
#BESCHNEIDUNG - DIE DEBATTE AUF TWITTER

Insgesamt reagierten vor allem Männer in den Social Media Facebook und Twitter derart heftig, dass man den Eindruck hatte, sie glaubten allen Ernstes, jeden Moment könne die Penispolizei klingeln und sie noch im Flur zwangsbeschneiden. Auf Twitter wurde unter dem Hashtag #Beschneidung diskutiert - dort zeigte sich vor allem, wie stark die Internet-Debatte durch die zweifelhaften Argumente der Beschneidungsgegner geprägt worden war. Beschnittene Männer könnten bekanntlich nicht Rad fahren, erklärte beispielsweise ein Twitter-User, wie schlimm dann erst die Schmerzen beim Sex sein müssten, könne sich daher wohl jeder Mann selber ausmalen. Einwände von Muslimen und Juden, dass es sich dabei um Märchen handele, wurden weggewischt – unter anderem mit dem Argument, sie seien wohl „Religioten“, einem aus „Religion“ und „Idioten“ zusammengezogenen Wort, das religionsfeindliche Aktivisten gern verwenden, um religiöse Menschen zu diffamieren. Ein anderer User fasste die anscheinend massenhaft vorhandenen Ängste vieler Männer in einem Tweet zusammen: „Wie soll ich denn onanieren, wenn die Vorhaut weg ist?“ – und zeigte damit en passant, dass nicht jeder wirklich zur Gänze verstanden hatte, dass es bei der Beschneidungsdebatte mitnichten darum ging, künftig alle Männer zwangsweise zu beschneiden.

An den Diskussionen auf Twitter beteiligten sich die Mitglieder der Piratenpartei, die die Plattform traditionell als ihre natürliche Heimat betrachten, besonders stark. Das kam nicht von ungefähr, denn viele der Mitglieder sehen sich als Atheisten.Ein offizieller Programmpunkt der damals noch sehr erfolgreichen Piratenpartei beinhaltete beispielsweise die komplette Einstellung jeglicher staatlicher Mittel für Religionsgemeinschaften. Dass mit der dort verankerten „strikten Trennung von religiösen und staatlichen Belangen“ auch der Polizeischutz für die jüdischen Gemeinden in Deutschland entfallen würde und die Gemeinden ohne staatliche Zuwendungen kaum existieren könnten, wurde ignoriert. Ein Pirat, der als Pfleger in einem Erlangener Krankenhaus arbeitet, verkündete im Verlauf der Debatte stolz, er habe über den Betriebsrat dafür gesorgt, dass Beschneidungen ohne medizinische Indikation dort nicht mehr durchgeführt werden.
 

EIN TODESFALL IN NORWEGEN - UND SEINE WIRKLICHEN HINTERGRÜNDE
Nicht nur auf Twitter lässt sich die Debatte mit dem Satz „Unbeschnittene Männer erzählten einander, wie grausam die Beschneidung sei und dass kleine Jungen unbedingt vor dem ‚mittelalterlichen Ritual‘ geschützt werden müssten“ zusammenfassen.
 
Als Beleg für die Gefährlichkeit der Zirkumzision wurde in allen Diskussionen immer wieder ein Fall genannt, der sich im Jahr 2012 in Norwegen ereignet hatte. Damals war ein knapp zwei Wochen alter Junge nur wenige Stunden nach dem Eingriff verstorben - allerdings taugt dieser tragische Fall entgegen der sensationalistischen Schilderung in Beschneidungsgegner-Foren gar nicht als Beleg für die Risiken der Beschneidung, da es sich hier um ein ärztliches Versagen handelte, das nicht als repräsentativ für Beschneidungen gelten kann. So hat der behandelnde Mediziner die Eltern des Kleinen weder genau über mögliche Anzeichen von Komplikationen informiert, noch nahm er deren ersten telefonischen Hilferuf am nächsten Tag ernst. Erst viel zu spät ließ er das schon unter Atemnot leidende Kind in die zwanzig Minuten entfernte Praxis kommen, wo eine andere Ärztin zunächst wertvolle Zeit mit dem Einholen von telefonischem Rat verschwendete. In den Armen der schließlich herbeigerufenen Rettungssanitäter erlitt das Baby kurz darauf einen Herzstillstand und wurde nach der Ankunft im Ullevål-Krankenhaus für tot erklärt.
 
Der Tod des Jungen führte in Norwegen nicht etwa zu Diskussionen über ärztliche Kunstfehler oder den Umgang mit Migranten, sondern zur Forderung, Beschneidungen generell zu verbieten. Dabei taten sich besonders Feministinnen hervor, die ein generelles Beschneidungsverbot als gutes Mittel ansahen, Maskulisten und ihre Forderung nach der Gleichsetzung von männlicher und weiblicher Beschneidung zum Schweigen zu bringen.
 
Ervin Kohn, Vorsitzender des norwegischen „Mosaiske Trossamfund“, wörtlich „mosaische Glaubensgemeinschaft“, verglich ein Beschneidungsverbot schließlich von seinen Auswirkungen her mit dem so genannten „Jødeparagrafen“, dem heute „Judenparagrafen“ genannten 2. Paragrafen des 1814 nach der Loslösung des Landes aus der Union mit Schweden beschlossenen norwegischen Grundgesetzes. Darin hieß es, der evangelisch-lutherische Glaube sei Staatsreligion, daher müssten sich Einwanderer dazu verpflichten, ihre Kinder evangelisch zu erziehen. Jesuiten, Mönchen und Juden wurde die Einwanderung verboten.
 
Auch wenn die skandinavischen Länder immer wieder von Beschneidungsgegnern als leuchtendes Beispiel genannt werden, weil dort die Zirkumzision verboten sei, entspricht dies nicht den Tatsachen. In Schweden gilt beispielsweise seit 2001 das „Lag om omskärelse av pojkar“, das Gesetz über die Beschneidung von Jungen, das mit Rücksicht auf die jüdischen Schweden die Beschneidung eines Jungen, der noch keine zwei Wochen alt ist, durch eine staatlich zertifizierte Person – einen Mohel – erlaubt. In Norwegen ist die Beschneidung von Jungen im Gegensatz zu der von Mädchen bis heute nicht gesetzlich verboten. Seit dem 1. Januar 2015 sind alle Krankenhäuser des Landes gesetzlich verpflichtet worden, Beschneidungen anzubieten. In Dänemark sieht es ähnlich aus, dort ist nur die weibliche Beschneidung verboten, während Jungen laut Gesetz von medizinischem Fachpersonal beschnitten werden sollten.

 
HISTORISCHER EXKURS: ANTISEMITEN UND DER BESCHNITTENE PENIS

Dass sich neben Muslimhassern auch Antisemiten mit großer Begeisterung in die Beschneidungsdebatte warfen und versuchten, mit einschlägigen Leserkommentaren Stimmung gegen Juden zu machen, war nur folgerichtig. Damit wird in modernem Gewand unter den Schlagworten der modernen Medizin und des Kinderschutzes an eine alte Tradition des Antisemitismus angeknüpft:

Die deutsche Freikörperkultur des ausgehenden 19. Jahrhunderts war stark nationalistisch und antisemitisch geprägt. Damals war auch der Wunsch, Juden auf den ersten Blick zu erkennen, ein wichtiger Punkt. Im Aufsatz „Zwischen Sex und Zuchtwahl - Nudismus und Naturismus in Deutschland und Amerika“ beschreibt der Sporthistoriker Professor Arnd Krüger, dass „Nudismus und Naturismus“ in Deutschland eben nicht nur aus der unschuldigen Freude am Nacktsein resultierte. Es ging vielmehr darum, Deutschland mit „erbgesundem Nachwuchs“ zu versorgen und die richtige Partnerwahl junger Menschen zu fördern: Nur an Nacktbadestränden sei es möglich gewesen, zu sehen, ob jemand an einer der damals noch unheilbaren Geschlechtskrankheiten wie Syphilis litt. Und nur auf FKK-Geländen konnte mit einem Blick auf den unverhüllten Penis festgestellt werden, ob ein Mann Jude war. Der Thüringer FKK-Pionier Richard Ungewitter etwa schrieb in seinem 1907 erschienenen Buch Die Nacktheit in entwicklungsgeschichtlicher, gesundheitlicher, moralischer und künstlerischer BeleuchtungRichard Ungewitter: Die Nacktheit in entwicklungsgeschichtlicher, gesundheitlicher, moralischer und künstlerischer Beleuchtung. Köln 1979 (Reprint der Ausgabe Stuttgart 1907). denn auch unverhohlen, „Zuchtfarmen“ zur Förderung „rassereiner Arier“ seien ideal, außerdem propagierte er „Rassenbewußtsein und germanisches Stammesgefühl“.Später erklärte er in einem weiteren BuchRichard Ungewitter: Nacktheit und Kultur. Neue Forderungen. Stuttgart 1913.: „Würde jedes deutsche Weib öfter einen nackten germanischen Mann sehen, so würden nicht so viele exotischen fremden Rassen nachlaufen.“
 
Krüger verweist darauf, dass die Nazis die Freikörperkultur immens förderten, nachdem die entsprechenden FKK-Organisationen sich mit großer Begeisterung hatten gleichschalten lassen. 1942 wurde dann die „Polizeiverordnung zur Regelung des Badewesens“ erlassen, in der geregelt wurde, dass Nudismus überall dort erlaubt war, wo andere Leute durch den Anblick nackter Körper nicht gestört werden konnten - ein Passus, der sich übrigens bis heute im deutschen Gesetzbuch gehalten hat.

SCHLUSSWORT

Die Beschneidungsdebatte ist vorbei. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Gegner der Zirkumzision aufgegeben haben – sie sind weiter in ihren Foren aktiv, schreiben Blogs und Leserbriefe und arbeiten weiter an internationaler Vernetzung. Und sie werden bei der nächsten passenden Gelegenheit wieder aktiv werden und sich als mindestens genauso gut vorbereitet erweisen wie im Sommer 2012.
 
In ihrem Gefolge werden dann auch wieder Antisemiten die öffentliche Diskussion zu bestimmen versuchen. Deren Ziel ist klar: Juden die Ausübung ihrer Religion unmöglich zu machen und dadurch zu erreichen, dass sie Deutschland verlassen. Deswegen werden sie sich nicht nur auf eine etwaige neue Beschneidungsdebatte stürzen. Es ist durchaus denkbar, dass auch das Schächten beziehungsweise der Verkauf von koscherem Fleisch jederzeit zu einem großen Thema werden könnte. Unter dem Deckmäntelchen vermeintlicher Tierliebe hatten Nazis in den vergangenen Jahren immer wieder vergeblich versucht, gegen das Schächten zu agitieren. Bislang erfolglos – in Zeiten von Social Media könnte allerdings ein vergleichsweiser nichtiger Anlass reichen, um eine große öffentliche Diskussion anzustoßen. Und ein Blick in die einschlägigen Foren reicht aus, um festzustellen, dass dann wieder sehr gut vorbereitete Gruppen aktiv werden würden.